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Salat mit gefährlicher "Beilage"
Magazin - Essen + Trinken
Geschrieben von: Inca Vogt   
Es ist gute 20 Jahre her, als ich zum ersten mal ganz bewusst auf die Gefahr von Pflanzenschutzmitteln aufmerksam wurde. "Tatort" war ein schicker Meetingroom in einer der größten Chemiefirmen unseres Landes. Ein Riesenauftrag stand an. Die  komplette Kampagne für ein Mittel, das sowohl ertragserhöhend, hochwirksam und zugleich damaligen Umweltschutzgesetzen genügen würde.

Die Arbeitsweise leuchtete ein. Das Mittel wurde nur einmal aufgetragen und dann mittels Fotosynthese durch das Sonnenlicht aktiviert. Schön und gut, dachte ich und ersann Bilder von blühenden Feldern, leckeren, rückstandsfreien Lebensmitteln und glücklichen Marienkäferchen, die das Mittel wohl ebenso unbeschadet wie der Mensch überstehen würden.

Falsch gedacht. Und ich habe mich noch nie so blamiert wie bei dieser märchengleichen Gedankenkette. Tatsächlich hatte das Mittel nicht nur eine Halbwertzeit von 50 Jahren, es zerstörte neben den anvisierten Schädlingen natürlich auch viele Nutztiere - ganz zu schweigen von den Rückständen, die in die Nahrungskette gelangen konnten. Doch das erfuhr ich erst bei der Präsentation, als auch die verantwortlichen Chemiker zugegen waren.

Es war das einzige Mal, das ich einen Auftrag im vollen Galopp stoppte. Und ich hatte wochenlang Alpträume, weil ich mir ausmalte, für was ich beinahe mit verantwortlich gewesen wäre...  

Seither denke und informiere ich mich ganz genau, bevor ich einen Auftrag annehme und Verbraucherkampagnen ersinne. Und ich achte genau darauf, womit ich im Supermarkt meinen Einkaufswagen fülle. Aus vielen schlechten Gründen, die bis heute unsere Lebensmittel belasten.  

Traurige Tatsache ist: Die konventionelle Lebensmittelproduktion in Europa verwendet bis heute eine Vielzahl von Agrargiften, die als sehr gefährlich eingestuft werden können.

Zu diesem Schluss kommen deutsche Chemiker, die im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace http://www.greenpeace.de 1.150 weltweit verwendete Pflanzenschutzmittel nach ihrer Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt überprüften. 149 der 451 Substanzen, die es in die "Schwarze Liste" der besonders gefährlichen Stoffe schafften, sind auch in Europa zugelassen.

Eine Vielzahl von Kriterien kamen bei dieser Bewertung zum Einsatz, so etwa die akute und langfristige Giftigkeit für Anwender und Konsumenten, die Krebs auslösende Wirkung, die Schädigung von Erbgut, Fruchtbarkeit, Immunsystem, Hormonen oder Nerven oder auch die Gefahr für Grundwasser, Amphibien, Insekten und Vögel. Die Substanzen wurden als umso gefährlicher eingestuft, in je mehr dieser Kategorien sie auftauchten und je mehr Punkte sie darin jeweils erreichten. In die "Schwarze Liste" gingen alle Substanzen ein, die im Negativ-Ranking zu den obersten zehn Prozent gehörten oder zumindest eine als sehr gefährlich identifizierte Eigenschaft aufwiesen.

Umgehen der Höchstgrenze

"Der Trend geht in die Richtung, dass die Produzenten die Überschreitung der Höchstmengen einzelner Pestizide durch die gleichzeitige Verwendung mehrerer Stoffe umgehen", berichtet Greenpeace-Chemieexperte Manfred Santen im pressetext-Interview. Es sei umstritten, welche Wirkung sich durch diese Kombinationen ergeben können. "Als Vorsorge sollte gelten, dass nicht nur der Einsatz einer übermäßig hohen Dosis einer Substanz, sondern auch die parallele Verwendung einer hohen Anzahl von Pestiziden vermieden wird", so Santen.

Das Bewusstsein der Konsumenten für die Gefährlichkeit der Pestizide wächst, was auch im Verhalten der Handelsketten Wirkung zeigt. "Die Rewe-Gruppe oder Aldi haben ihren Lieferanten und Produzenten bereits eigene Reduktionsvorgaben für Pestizide aufgelegt, was in der Praxis auch funktioniert. Es muss jedoch erst untersucht werden, ob diese Maßnahme nachhaltig wirksam ist oder nicht", so der Greenpeace-Experte. Auch auf EU-Ebene sei eine entsprechende Richtlinie in Vorbereitung.

Giftiger Salat im Winter

Keinen Einblick in den Pestizideinsatz bei Obst und Gemüse hat bisher der Verbraucher. "Das gilt bei allen Supermarkt-Produkten mit Ausnahme der mit dem Bio-Siegel zertifizierten. Diese schnitten im Pestizid-Test sehr gut ab." Erst am Dienstag dieser Woche hatte Greenpeace eine weitere Untersuchung präsentiert, bei der es um die Pestizidbelastung in Supermarkt-Salaten ging. In den meisten Proben fanden sich Rückstände, mitunter sogar jenseits der Höchstgrenzen. "Im Winter sind Blattsalate wie Rucola oder Kopfsalat Risikoprodukte, da sie in den Treibhäusern meist überdüngt und stark gespritzt werden", so Santen.

Als besonders gefährlich werden Wirkstoffe gewertet wenn sie in mindestens einer der bewerteten Wirkungskategorien gemäß der Greanpeace Blacklist die höchste Zahl von Wirkungspunkten (fünf) aufweisen. So wurden Stoffe identifiziert, die eine direkte Gefährdung von Anwendern und Konsumenten bei nur einmaligem Kontakt darstellen. Viele der Stoffe haben keine sichere Mindestdosierung und können irreparable Schäden hervorrufen. Einige Stoffe können in geringsten Konzentrationen durch den Eingriff in Hormonsysteme weitreichende, fatale Folgen verursachen, u.a. Entwicklungs und Fertilitätsstörungen, Missbildungen und Krebs. Andere verursachen zum Beispiel irreparable, verzögerte Schäden auch bei den Nachkommen. Sie können die Umwelt nachhaltig belasten, was eine  zusätzlichen Kreislauf auslöst und zu kaum absehbaren großen ökologischen und toxikologischen Problemen führen kann.

Weitere Informationen in der downloadbaren Schwarzen Liste auf den Seiten von Greenpeace: http://www.greenpeace.de 

 

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